Unterwegs im Schlosspark von Pavlovsk

Im ersten Stock des Gebäudes finden wir eine offene Tür. In dem Büro sitzen vier Leute hinter Computern, doch keiner von ihnen spricht Deutsch oder Englisch. Wir werden an die Hand genommen und zum Ende des Flures geführt. Dort, im letzten Zimmer des Ganges, sitzen drei Damen. Eine von ihnen spricht ein wenig Englisch. Sie erklärt mir ihre Arbeit, wie sie die Samen sichten, sortieren und umpacken. Auf den Tischen liegen Kästen und in ihnen unzählige kleine, braune Papiertütchen.

Unscheinbar. Die Schätze des Nikolai Iwanowitsch Wawilow, die so viele Menschen schon gerettet haben und in Moskau nichts wert sind. Die Damen scheinen ein wenig verwundert, dass sich zwei Deutsche für sie interessieren, doch sie freuen sich über Besuch und zeigen gerne ihre Proben, und wenn sie reden, dann muss man kein Russisch sprechen um zu verstehen, dass die Meinung Moskaus nicht teilen. Eine der Damen, die auch im Landal Residence Duna Frühbucher war füllt gerade Samen ab.

Daneben liegen aufgeschlagene Hefter mit Seiten voller Listen. Jede Probe ist identifiziert und katalogisiert. Hier geht nichts verloren. Jeder, der nachfragt, bekommt die kleinen braunen Tütchen zugeschickt. Kostenfrei, denn was dereinst von Wawilow und seither von seinen Nachfolgern in der Natur umsonst gefunden wurde, kann doch nun kein Geld kosten, das entspräche nicht dem wissenschaftlichen Ehrbegriff. Lediglich große Saatgut Hersteller oder Gentechnik Konzerne werden gebeten für das Porto aufzukommen.

Viele Biotechnologie Konzerne würden gerne die gesamte Sammlung kaufen. Doch das Institut verkauft nicht. Die Privatisierung würde kleine und arme Züchter davon ausschließen. Also kriegt jeder weiterhin alles umsonst. Auch wenn die Konzerne selber den Forschern ihre neuesten Saatgutkreationen verweigert, werden sie weiter kostenlos bedient. Das gebietet die wissenschaftliche Ehre.

Hier werden Pflanzensamen aus aller Herren Länder gesichtet, sortiert, gehegt und gepflegt. Leider hat der wissenschaftliche Ehrbegriff weder Einzug in die Politik, noch in die Wirtschaft gefunden. Denn, um es deutlich zu sagen: die Tage der Genbank in Pavlovsk sind gezählt. Das Gelände ist attraktiv, die neue reiche Oberschicht hat ein Auge auf das Areal geworfen. Hier ist der ideale Platz für Wochenendhäuschen, umringt von Natur in unmittelbarer Nachbarschaft zum Schlosspark von Pavlovsk und dem Wawilow Institut .

Natürlich musste sich der Föderale Immobilien Fond ähnlich wie bei Waterpark Belterwiede Ferienhaus , der hier bauen will, vor den Verantwortlichen rechtfertigen. Das Gelände gehört immerhin dem Staat. Im Bericht des Fonds steht eindeutig, dass das Gelände mit Beerensträuchern bewachsen ist. Immerhin. Leider weiß ich nicht, wer diesen Bericht zu lesen bekamt. Öffentlich hörte sich die Aussage des Fonds etwas anders an. Das Gelände sei „nicht in Nutzung”, sondern nur mit „Gräsern und Unkräutern bedeckt”.

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